Dienstag, 25. Januar 2011

Giraffe und Frosch

Ulla Link

Die Giraffe wirkte irgendwie verändert. War sie sonst immer mit erhobenem Kopf und hochgereckter Nase an dem kleinen Frosch vorbeigegangen und hatte ihn somit nicht einmal wahrgenommen, hielt sie den Kopf heute gesenkt. Sie murmelte Unverständliches, dann hob sie mit großer Mühe die rechte Hufe nach oben, im nächsten Moment legte sie sich auf den Boden mit angewinkelten Beinen und schaute dabei zu den weißen Wolken, die vereinzelt über den weißen Himmel dahineilten.


Trotz der kurzen Lebenszeit, die den Fröschen auf dieser Erde bleibt, hatte der kleine Geselle schon so manches Merkwürdige gesehen, weil er so tief unten lebte. Aber dieses Schauspiel war ungewöhnlich und verlangte nach Aufklärung.

So blickte der Frosch treuherzig nach oben, gab ein paar Quaklaute, so laut er nur konnte und winkte mit seinen kleinen Händen.

Nicht mal ignorieren, schoss es der Giraffe zunächst durch den Kopf. Aber, desolat, wie ihre Verfassung war, entschied sie, dass es besser sei, mit einem Geringen zu sprechen als überhaupt nicht reden zu können.

Der Frosch hatte schon angefangen, als die Giraffe sich etwas hinunterbeugte.
…murmelst du, verrenkst deine Glieder, schaust nach oben und wirfst dich auf die Erde?

Nun Frosch, es scheint mir, als weißt du über die Dinge, die die Welt im Innersten  zusammenhalten, wenig Bescheid. Die Giraffe seufzte mitleidig.

Ich bete. Ich bete zum Gott der Giraffen, den du natürlich nicht kennst, weil euch Fröschen da unten der Bezug zum Höheren fehlt. In der letzten Zeit sind meine Probleme immer größer geworden. Mein Mann ist krank, vielleicht betrügt er mich auch, meine Kinder haben mich verlassen und die Madenhacker leisten keine saubere Arbeit mehr, so dass ich den ganzen Tag an meinem Körper kratzen möchte, was ich aber, wenn du einmal kurz auf meine Hufen schauen willst, natürlicherweise nicht tun kann. Kurz und gut: Mir geht es wirklich schlecht und der Gott der Giraffen wird mir hoffentlich helfen.

Meinst du wirklich, dass euer Giraffengott deinen Juckreiz so wichtig nehmen wird, dass er sich damit aus der Ewigkeit, zumindest für gewisse Zeit, verabschiedet und an dir ein Wunder tut? Übrigens – ich habe wohl schon hundert Giraffendamen mit Juckreiz, untreuem Ehemann und verschwundenen Kindern kennengelernt. Und wenn du willst, dass dein Mann dich nicht mehr betrügt, solltest du wohl eher einmal den bestialischen Gestank, den du verbreitest, im Wasserloch verringern.

Damit machte sich der Frosch von dannen, denn das Beten der Giraffendame hatte ihn daran erinnert, dass er selbst sich heute noch nicht nach Norden verneigt, einen Grashalm geknickt und zweimal sein Bein in die Luft gehalten hatte, wie es sich nun einmal für einen Froschmann geziemte.

Nach einem Jahr trafen sich Frosch und Giraffe wieder. Dass sie sich wahrnahmen, lag wohl daran, dass die Giraffendame ihren Kopf noch tiefer als beim letzten Mal trug.


Hallo, sagte der Frosch und blies sich etwas auf, kennen wir uns nicht vom vorigen Jahr? Sie hatten doch einen da oben, dabei reckte er den Kopf, für Ihren Juckreiz und so weiter?                 

Ach, stellen Sie sich vor, Herr Frosch, mein Mann lief davon, meine Kinder tauchten nicht wieder auf, mein Juckreiz quält mich Tag und Nacht. Ich versuchte es, mit dem da oben, Sie wissen schon, dann mit den sieben Zahlen, die eine Freundin empfahl, aber nichts half.

Versuchen Sie es einmal mit Grashalmknicken und der Verneigung nach…

Weiter kam der Frosch leider nicht, denn das Nashorn hatte beschlossen, seinen Fuß genau dahin zu setzen, wo der Frosch soeben noch verweilt hatte.

Die Sonne schien weiter, der Juckreiz hörte nicht auf und der Frosch war nun tot.

Die Giraffe trampelte von dannen.
 

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1 Kommentar:

  1. Oh, da fand der arme Frosch aber ein jähes Ende!

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