Montag, 21. November 2011

Tier

Petra Ihm-Fahle

Ich bin ein Tier. Ich hasse diesen Ausdruck, aber so wurde ich in der Schule immer genannt. Irgendwann verinnerlichte ich, ein „Tier“ zu sein. Ich bin groß, mit breiten Schultern. Meine Hüften könnte man schmal nennen, wäre ich nicht dick. Die Proportionen stimmen nicht – für eine Frau. Hübsch bin ich auch nicht, zwar mit monströser Brust, aber die reißt es nicht raus. Damenbart, kehlige Stimme.
Zierliche Ballerina-Typen hasse ich: Mit glänzenden Haaren, zum Pferdeschwanz gebunden. Mit zwitschernden Stimmen und  liebenswürdig – zumindest scheinbar – dass jeder Mann sofort dahinschmilzt. In meinem Leben musste ich solche Weiber zur Genüge ertragen: Während meiner Schulzeit, Ausbildung bei einer Versicherung und Tätigkeit als Sachbearbeiterin. Diese Art Frau akzeptierte mich immer gern als Freundin. Kein Wunder, sie waren neben mir noch schöner. Ich schmückte mich auch gern mit ihnen. Bildete mir ein: Will sie sich mit mir anfreunden, muss an mir auch etwas sein. Dauerte eine Weile  einzusehen, dass es so nicht war.
Einmal, zu Schulzeiten, hatte ein Klassenkamerad meine Nähe gesucht: Christian. Jeden Tag besuchte er mich mit seinem Moped. Meine beste Freundin Diana, er und ich unternahmen etwas oder wir saßen im Zimmer. Wir rauchten und tranken Cola. Christian sah nicht gut aus, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Er hatte Schnittlauchhaare, eine Hakennase, und er war dick. Nach einer Weile war ich trotzdem verknallt. Ich war ja auch keine Schönheit, also passten wir gut zusammen. Dachte ich. Der Crash kam, als Diana plötzlich einen Freund hatte. Christian betrank sich und gestand mir: Er sei unsterblich in sie verliebt. Völlig fertig war er. Er habe sich doch solch eine Mühe gegeben. „Mein Gott, was denkst du, Kirsten, weshalb ich jeden Tag gekommen bin?“, heulte er mir vor. Ich war sprachlos. Er stellte den Kontakt ein. Nicht nur Diana war plötzlich seine Feindin, ich auch. Ein anderes Mal kam es noch schlimmer: Ich hatte mich verschossen, in einen süßen Typ namens Dirk. Wer machte das Rennen bei meinem Liebsten? Diana. Um mir nichts anmerken zu lassen, nahm ich es auf mich, mit dem glücklichen Paar auszugehen, zumindest anfangs. Ein Alptraum. Einmal hörte ich, wie sie über mich sprachen. Dass ich noch immer solo war. „Wer will schon was von einem Tier“, sagte Dirk. „Stimmt irgendwie“, erwiderte Diana. 
Wenn ich ehrlich bin: Ich hatte noch nie einen Mann. Hörte nach der Sache mit Dirk auf,  dran zu glauben. Liebe gehört nicht zu meinem Leben. Man kann nicht alles haben. Was soll’s, ich habe ja meine Katzen. Dachte ich. So denke ich immer noch.
Obwohl ich mich abgefunden habe, ist es meine verletzliche Stelle. Meine Achillesferse. Das merkte ich, als ich letztes Jahr meinen Garten machte. Viel Arbeit. Den grünen Daumen habe ich nicht, ich lasse die Pflanzen einfach wachsen. Einmal im Jahr muss es aber sein, dann räume ich alles auf. Meist weiß ich nicht, wohin mit dem ganzen Grünschnitt. So war es auch diesmal, ein unglaublich hoher Berg Zeug. 
Ich war darum froh, als ein Mann seine Hilfe anbot. Mit einem Transporter war er am Haus vorbeigefahren, stieß zurück, hielt an. Freundlich fragte er, ob er etwas abtransportieren soll. Toll fand ich ihn. Nicht ganz so groß wie ich, muskulös, kantiges Gesicht. Graublaue Augen, dunkelblondes Haar, zurückgekämmt. Ein paar graue Strähnen, obwohl er bestimmt noch keine 40 war. Nicht perfekt. Das gefiel mir, ich war es ja auch nicht. Ich fühlte mich zu ihm hingezogen. So etwas war mir schon lange nicht mehr passiert… Er war ein ganz einfacher Mann, das war vielleicht des Rätsels Lösung. Ihm gefiel es scheinbar, mir zu helfen. Er war  freundlich, lächelte immerzu. Sicher spürte er, dass ich einen etwas besseren Posten, eine gewisse Bildung hatte. Ob ihm das imponierte? Ein sechster Sinn sagte mir: Ja. Er räumte eine Menge Grünschnitt auf seinen Transporter. Ich fragte, was er nimmt. „30 Euro pro Ladung.“ Ich hatte kein Kleingeld im Portemonnaie, zog einen Fünfzig-Euro-Schein heraus. „Nehmen Sie den. Und kommen Sie wieder, nehmen dann noch eine Ladung mit.“ Er griff den Schein, nickte. „Klar, gerne. Sie können sich auf mich verlassen.“ Mein Herz hüpfte höher. Er würde wiederkommen.

Von wegen! Er hatte mich geprellt, der schöne Mann. Mich, das Tier. Wie hätte es anders sein sollen? Das wurmte mich sehr. Es war das übliche Muster.
Fünf Monate später war im Nachbardorf Weihnachtsmarkt. Ich schlenderte an den Ständen vorbei, plötzlich sah ich ihn. Er lehnte an einem Stehtisch, trank etwas. Das Schwein! Ich ging an die Theke, bestellte mit zuckersüßer Stimme einen Glühwein. Mit dem vollen Pott stellte ich mich an den Tisch neben ihn.
„Na, erkennen Sie mich wieder?“ Er zuckte mit den Achseln.
„Sie sollten Grünschnitt für mich entsorgen, sind aber nicht wiedergekommen. Sie schulden mir 20 Euro“, fuhr ich fort.
Er erwiderte: „Ich trinke hier eigentlich Glühwein.“
„Wunderbar. Schön, dass Sie hier Glühwein trinken. Deshalb habe ich Sie endlich mal wieder getroffen. Weil ich auch Glühwein trinke. Schmeckt gut, der Glühwein. Wer Glühwein trinken kann, kann auch 20 Euro wiedergeben. Her damit.“
„Hören Sie, lassen Sie uns das ein andermal klären. Ich mache mir gerade einen schönen Nachmittag.“
„Sie können sich gleich weiter einen schönen Nachmittag machen. Gar kein Problem. Geben Sie mir einfach mein Geld.“
Ich genoss meine verbale Überlegenheit. In dieser Hinsicht bin ich nicht leicht zu schlagen. Er hingegen rang um Worte. Kein Wunder, Prolet.
„Halloooo! Mein Ge-held!” Ich streckte meine Handfläche aus. „Na, was ist?“
„Lassen Sie mich in Ruhe!“
Wie bitte? Unverschämtheit. Ich stand auf, griff meine Tasse und stellte mich an seinen Tisch.  Beugte mich herüber zu ihm, schaute ihn durchdringend an. Er senkte den Blick.
„Mein Geld!“
Plötzlich hob er die Augen. „Pass auf, Alte! Wenn du nicht abhaust, schütte ich dir den Glühwein in die Fresse.“
„Waaaas? Unverschämtheit!“ So etwas lasse ich mir nicht sagen. Ich überlegte keine Sekunde, bevor ich ihm mein Getränk über den Kopf goss.
„Aaaah! Aua! Verflucht, ist das heiß!“ Mit den Händen wischte er sich die Brühe von der Visage.
„Das darf doch nicht wahr sein!“ Die Verkäuferin hinterm Tresen schnappte nach Luft. „Haben Sie sich wehgetan? Warten Sie, hier ist ein Lappen.“ Sie fuchtelte mit Kleenex an ihm herum.
„Ich habe mir das Gesicht verbrüht! Der Glühwein hat ja noch fast gekocht!“, jaulte er. „Ich rufe die Polizei.“ Na, das hatte mir noch gefehlt. Er bestahl mich – und rief die Ordnungshüter? Ich griff seine Tasse und kippte sie ihm auch noch über die Frisur. Anschließend suchte ich schleunigst das Weite.
Leider nützte das nichts. Das Schwein rief tatsächlich die Polizei, ich musste vor Gericht.
Der Richter verurteilte mich zu einer Geldstrafe. „Sie haben Glück, dass das der erste Vorfall ist“, sagte er. „Normal ginge das nicht ohne Bewährungsstrafe. Der Glühwein war brühheiß, im Grunde eine gefährliche Waffe.“
Ich vermute, der Richter war befangen. Wäre ich zart und blond, hätte er mich sicher nicht verurteilt. Mit einem „Tier“ kann man’s ja machen. Zum Abschied sagte er noch: „Sie sollten lernen, Ihr Mütchen auf andere Weise zu kühlen, vielleicht mal lieber auf einen Sandsack schlagen.“
Na ja, ich konnte es ja mal versuchen. Wegen dieses Urteils musste ich mich wirklich abreagieren. „Warum nicht wieder mit Glühwein?“, dachte ich zuhause. Ich ging in meine Küche, goss den Inhalt einer Flasche in den Kochtopf, erhitzte sie. Mit der dampfenden Tasse ging ich in den Garten. Es gab dort eine Ecke, die ich in keinem Jahr in Ordnung brachte. „Irgendwas muss ja naturnah bleiben“, antwortete ich, wenn mich jemand deswegen fragte. Was keiner wusste: Hier lag Diana. Ich hatte sie und ihr Glück mit Dirk irgendwann nicht mehr ertragen können. Immer küsste sie, streichelte sie meinen Schwarm in meiner Gegenwart. Ausgerastet war ich eines Tages, als sie bei mir war. Ich hatte sie geschlagen, geschlagen und abermals geschlagen. Plötzlich war sie tot, im Garten hatte ich sie beerdigt. Auf mich war niemand gekommen. Ein einziges Verhör, mehr wollte die Polizei nicht von mir. Ich hob meine Tasse und kippte sie über ihr Grab. Sei mein Sandsack, Diana. Ich bin das Tier.


Bild und Text: Copyright by Petra Ihm-Fahle        


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