Blogroman: Die Blümelein, sie schlafen

Petra Ihm-Fahle


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Im Probenraum saßen nur Tante Ingeborg, Sandy Fink und Heinfred. Die anderen fehlten.

„Die vierte zum Skat!“, rief Tante Ingeborg. „Hereinspaziert! Sag mal, wolltest du nicht einen jungen Mann mitbringen?“ 

„Ich weiß zwar nicht, wie du Skat spielst“, entgegnete ich verschnupft, „und der, der noch kommen wollte, hat mich versetzt. Das spielt aber keine Rolle, wenn hier eh nichts passiert heute Abend.“ Ich schaute scheel auf die leeren Plätze.

„Na, so was!“, machte Tante Ingeborg. „Natürlich passiert hier was heute Abend! Wir  stimmen über das Stück ab. Wenn die anderen nicht da sind, sind sie selber Schuld.“
Mein Blick streifte Heinfred, der mir zuzwinkerte. Wir waren Freunde seit der Schulzeit, als wir im Schwimmunterricht die einzigen in der Nichtschwimmergruppe gewesen waren. Kein Lehrer hatte Zeit für uns gehabt, weshalb wir uns allein im Babybecken tummeln mussten. Für mich war das Erlebnis nicht allzu prickelnd gewesen, denn Heinfred hatte ziemlich gemieft. „Wenn ich ins Schwimmbad gehe, wasch ich mich vorher nie“, hatte er zu allem Überfluss verkündet. Mir war alles vergangen. Trotzdem hatten wir uns gut unterhalten.           
Der optische Unterschied zwischen ihm und Liebwin konnte größer nicht sein. Heinfred, verkrachter Pharmaziestudent und Teilzeit-Ausfahrer für eine Apotheke, hatte ein recht unglückliches Äußeres. Er maß gerade mal eins fünfundsechzig und hatte eine dickliche Figur. Seine Statur betonte er unvorteilhaft: Er trug enge Jeans mit Gürtel, in die er karierte Hemden stopfte. Heinfred qualmte wie ein Schlot. Seine Fingernägel waren gelb angelaufen, sein braunes Haar und der Schnurrbart immer einen Tick zu lang. Doch das störte mich nicht. Er war einfach ein Freund, aufs Aussehen kam es nicht an.   
Neben ihm saß Sandy. Sie war ein hellblondes Schnuckelchen, knackebraungebrannt, mit langen klappernden Wimpern und aufgeklebten rosa Krallen. Sie war immer nach dem letzten Schrei gekleidet. Ich konnte Sandy nicht besonders gut leiden, denn sie war äußerst eingebildet.
„Vier sind genug zum Skat!“, beharrte Tante Ingeborg auf den falschen Spielregeln. „Wir ziehen unser Programm durch! Thema ist Sandys Stück ‚Mord ist kein Katzendreck.’ Erstens: Wollen wir das aufführen? Zweitens: Wie machen wir das? Und drittens: Wer ist an welcher Rolle interessiert?“
„Eine Katze auf der Bühne“, überlegte ich laut. „Das Vieh müssen wir ständig an der Leine halten, sonst gehorcht sie nicht. Katzen sind störrisch.“
„Find ich auch“, pflichtete mir Heinfred bei. „Am Ende kriegen wir Ärger mit dem Tierschutzverein.“ Sandy guckte indigniert.
„Falsch! Katzen sind nicht störrisch, sondern haben einen starken Willen. Ich sag’s euch: Die Katzenliebhaber werden uns die Karten aus den Händen reißen.“
„Solange sie sie bezahlen, ist mir alles Recht“, erwiderte Tante Ingeborg. „Also, ich finde das Stück gut. Sandy hat Einsatz bewiesen. Ich bin dafür, dass wir das machen.“ Sandy lächelte dankbar.
„Hast du nicht Angst, dass deine Katze dich an die Wand spielt?“, konnte ich mir eine Spitze nicht verkneifen.
„Isabella!“ Tante Ingeborg schüttelte den Kopf.
„Schon gut. Aber sag mal: Welcher deiner vielen Lieblinge soll überhaupt die Hauptrolle bekommen?“ Sandy hielt mindestens zehn Katzen auf ihrem Grundstück.   
„Sansibar oder Nathanael. Die beiden sind besonders intelligent. Es wird bestimmt ein toller Erfolg!“
„Ich hab eine Katzenhaarallergie“, brummelte Heinfred.
„Jetzt sei mal nicht so grantig. Pass auf, du spielst das Herrchen von der Katze. Die Rolle hab ich dir auf den Leib geschrieben.“ Mürrisch betrachtete Heinfred das Loch in seiner angeschmuddelten Tennissocke. Da er wie üblich Birkenstock-Sandalen trug, war es für jedermann sichtbar.
„Lasst uns abstimmen!“, forderte Tante Ingeborg auf. „Wer ist dafür?“ Sandy und sie hoben die Hand.  „Gut. Dagegen? Heinfred. Was ist mit dir, Isabella?“
„Ich enthalte mich.“
„Wie langweilig. Nun denn, das Stück wird aufgeführt.“ Sandys Wangen glühten, ihre Augen glänzten. Den Rest des Abends besprachen wir die Verteilung der Rollen. Ich würde die Mörderin spielen.




Petra Ihm-Fahle


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Ich ging ins Wohnzimmer und schaltete den PC ein. Fest rechnete ich mit seiner E-Mail. Fehlanzeige, noch war nichts da. Ich googelte seinen Namen und wurde fündig: Mit einer Homepage für seinen Frisiersalon, die allerdings nicht viel hergab. 

Interessanter war vermutlich sein Facebook-Account. Ich war nicht bei Facebook, hielt nicht viel von der Preisgabe von Daten und Infos im Netz. Doch im Grunde… warum nicht? 

Man muss schritthalten. Wie soll man sonst seine Kinder zu Medienkompetenz erziehen?

Ich registrierte mich und suchte Liebwin. Mein Herz klopfte, als ich sein Profil-Foto sah. Herausfordernder Blick, süffisantes Lächeln. Unglaublich, er hatte 500 Freunde. Ich klickte alle durch: 80 Prozent Frauen. 

Auf seiner Pinnwand gab es wenig private Mitteilungen. Das Meiste drehte sich um seine Erfolge als Friseur, beispielsweise: 

„Liebwin Dupont erreichte Platz zwei beim Hair Dreams Contest. Platz eins hätte ihm gebührt. Selbstverständlich lässt er sich davon nicht beirren.“ 
Was für ein Angeber.

Kommentare á la „Wundervoll! Weiter so!“ standen unter seinen Ergüssen. Natürlich nur von Frauen. Na, da konnte ich mich warm anziehen. Ich ließ den Computer laufen und ging zu Bett, ein bisschen ernüchtert. 

Als ich morgens aufwachte, stürzte ich an mein E-Mail-Fach. Wieder nichts. Die einzige Nachricht, die ich an diesem Tag erhielt, war mündlicher Art: Frau Grüners nochmaliger Hinweis auf Margots Beerdigungstermin zwei Tage später. Diese Mitteilung trug nicht gerade dazu bei, mich aufzumuntern. 

Ich beriet mich mit Alexa. 
„Ob ich mich bei ihm melden soll?“, fragte ich.
„Bist du des Wahnsinns!“ Sie schüttelte den Kopf. „Er muss das tun. Wenn nicht, will er nicht.“   
Sie hatte wohl Recht.

Das Theatertreffen sollte um 20 Uhr beginnen. Um sieben machte ich mich fertig. Eine halbe Stunde später kam Massimo, um auf Amelie und Charlotte aufzupassen. Mein Bruder hatte sich  aufgebrezelt, denn er hatte noch etwas vor: Ein Date mit einem neuen Lover. Massimos schwarzes Haar war an den Seiten kurz geschnitten, das Deckhaar hatte er in die Stirn frisiert. Ein Dreitagebart zierte sein Gesicht, er duftete nach „Aqua di Parma“. 
Ein bisschen neidisch beäugte ich seine schicken Anziehsachen. Ich hatte wieder nur die alten blauen Hosen und ein enges T-Shirt an. Doch das war jetzt auch egal. 
Wie eigenartig, zuerst war Liebwin so zuvorkommend gewesen… Nun ließ er mich schmoren. Männer! 

Zähneknirschend machte ich mich auf den Weg. Was soll's! 
Kühe und Schafe gehen miteinander, aber der Adler steigt allein.



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Vorm Restaurant trennten wir uns, nicht ohne Mail-Adressen auszutauschen. Liebwin drückte mich zum Abschied und schaute mich an. Seine Augen glänzten. Etwas hüpfte in meinem Bauch.  

„Dann bis morgen“, brachte ich mühsam heraus.

„Gut. Wir schreiben uns vorher noch mal. Salut, Isabella!“

Als ich zum Eichenweg lief, wo Gioconda und Fritz lebten, hätte ich mich beinahe verlaufen. Fast wäre ich vor ein Auto gerannt. Der Fahrer hupte. „Können Sie nicht aufpassen?“, schimpfte er aus dem Fenster.

Du liebe Güte, wieso war ich so verwirrt? Zwei, drei Stunden Smalltalk mit einem Fremden, im Grunde war er das ja. Zugegeben, er sah gut aus, war nett - aber das war doch kein Anlass zum Durchdrehen. War ich dabei, mich zu verlieben? Nein. Oder? Doch. Es sah danach aus. Ich musste lächeln. Es fühlte sich gut an. Sogar der Gedanke an die arme Margot machte mir nicht mehr so zu schaffen.  

„Hast du zu viel Kaffee getrunken?“, fragte Gioconda, als ich aufgedreht in die Wohnung kam.

„Ja, ein paar Tassen“, schwindelte ich. Besser nichts zu früh erzählen. 

„Na, ihr Süßen? Stör ich beim Heimkino?“, begrüßte ich Amelie und Charlotte. Einträchtig lagen sie vorm Fernseher und schauten eine DVD.   

„Psst, Mami. Setz dich“, sagte Charlotte. Ah, ja! Lassie wurde gerade in die Fluten gerissen, Matt Turner schrie hinterher. Ich griff nach meinem Taschentuch.

„Na, gut. Auf die Gefahr, dass mein Make-up zerläuft“, schniefte ich und setzte mich zu meinen zwei Mäusen. 

Als „Lassie“ um war, hatte ich es mir schon so gemütlich gemacht, dass ich nichts gegen Giocondas Vorschlag hatte, noch einen Film zu sehen. „Die DVD hat nur 1,99 gekostet, da hab ich sie sofort gekauft“, sagte sie. „Wenn ihr sie nicht gucken wollt, hab ich das Geld umsonst ausgegeben.“ 

„Bambi. Ausgerechnet“, sagte ich. „Das ist so tragisch!“

„Das Leben ist leider tragisch. Daran musst du deine Töchter früh gewöhnen!“

„Gioconda, du bist so weise! Aber nur, wenn Fritz uns heimfährt.“

Schön, wenn man so nette Eltern hat. Das gilt besonders, wenn man – wie ich – kein Auto besitzt. Als Fritz uns zu Hause abgesetzt hatte, war es bereits fünf. Ich machte Abendbrot und spielte noch eine Runde „Lotti Karotti“ mit Amelie und Charlotte. Bald war Schlafenszeit. 

„Da warten zwei kleine Betten auf zwei müde Mädchen“, sagte ich. Die Antwort war Empörung.

„Neiiiiin, Mami! Bitte noch nicht!“, protestierte Amelie.

„Ich bin wirklich noch gar nicht müde!“, bettelte Charlotte.

„Jeden Abend die gleiche Schallplatte. Ab in die Falle! Schlafanzüge an! Hopp, ihr müsst morgen früh raus.“ 

„Erzähl uns Mariechen Mauseschwanz“, sagte Charlotte streng. Das war eine Forderung, die jeden Abend an mich erging und die ich stets erfüllte. Ich setzte mich zwischen die Betten und dachte mir eine neue Episode aus. Mariechen Mauseschwanz ist ein kleines Mädchen, das mit seiner Mutter in einem Haus am Waldrand wohnt und viele Abenteuer erlebt: Mit dem bösen Fuchs, den sieben Zwergen, der guten Waldfee und, und, und… Unsere Oma hatte diese Geschichten schon Massimo und mir erzählt.  

„Und jetzt noch die Blümelein“, forderte Amelie zu guter Letzt unser Lieblings-Gute-Nacht-Lied.  

„Okay“, räusperte ich und hob an: 

„Die Blümelein, sie schlafen schon längst im Mondenschein,
sie nicken mit den Köpfchen auf ihren Stängelein.
Es rüttelt sich der Blütenbaum, er säuselt wie im Traum:
Schlafe, schlafe, schlaf ein, mein Kindelein.“
  


8





Wir unterhielten uns prächtig, lagen gänzlich auf einer Wellenlänge. Liebwin erzählte mir eine Menge über sich.

Er hatte ein paar Jahre in Paris gelebt, Schule und Ausbildung in Deutschland absolviert. Jetzt war er Friseurmeister und selbständig.

"Was hast du für Hobbys?", fragte er, während wir das Dessert aßen.

"Ich spiele ein bisschen Theater."

"Das ist ja spannend. Wo denn?"

"Mein Tante leitet ein Ensemble. Nichts Besonderes, alles Laien. Wir proben einmal wöchentlich."

"Das finde ich gut. Kann ich mal mitgehen?"

"Na, klar. Momentan beratschlagen wir unser neues Stück, es ist was mit Katzen. Eine Frau aus unserer Truppe hat es geschrieben. Das ist eigentlich mein einziges Hobby. Bei zwei Kindern..."

"Du bist zu beneiden", stellte er fest.

"Ja, die sind wirklich lieb, die beiden."

"Ich wollte auch mal ein Kind haben." Sein Blick verdüsterte sich. "Früher. Ist lange her. Aber das ist eine Geschichte, die lassen wir lieber."

"Erzähl doch", forderte ich ihn auf. Im nächsten Moment hätte ich mir die Zunge abbeißen können. Wie aufdringlich von mir! "Oder lass."

"Ist schon in Ordnung. Ich war früher mit einer Frau zusammen. Nora. Wir hatten viel geplant. Nun ja, es kam anders." Er rang sich ein Lächeln ab.

Ich bemühte mich, mitfühlend zu schauen. Was sollte ich bloß dazu sagen? Masken des Grams verdunkelten sein Gesicht.

"Ich werde mich nie wieder in ein Segelboot setzen, denke ich", sagte er. "Nora und ich waren auf einem Törn. Ein Unwetter, wir gingen über Bord. Ich habe sie nie wiedergesehen."

"Ach, du liebe Güte. Das ist ja grauenvoll", stammelte ich.

"Ist okay. Ich bin drüber weg. So halbwegs jedenfalls. Ganz, das wird wohl nie gehen."

Ich fühlte mich schlecht. Hier ging es um die Tragödie einer Unbekannten - und ich leckte mir die Finger nach ihrem Liebsten. Andererseits: Musste mich das wirklich kümmern?


7



"Alles bestens!", japste ich. "Es ist nur: Sie sind Franzose, ich Halbitalienerin. Röchel. Allerdings ist es bei uns umgekehrt. Mein Vater ist der Deutsche, meine Mutter Italienerin. Rrrrrchchgrgll."

Irgendwie hatte ich Hemmungen, mir die Feuerqualen anmerken zu lassen. Wie peinlich! Erst protzte ich mit meinen Kenntnissen der Thai-Küche, und dann vertrug ich nicht mal ein bisschen Paprika. 

"Daher also die tollen schwarzen Haare!" Er schaute mich anerkennend an, doch auch ein wenig irritiert. "Übrigens - Voschlag! Die Siezerei ist so umständlich. Ich heiße Liebwin."

"Isabella", hechelte ich mit Schaum vor den Lippen. "Hast du mal ein Papiertaschentuch?"

Natürlich hatte Liebwin, wie alle Männer, kein Papiertaschentuch. Das bot mir einen Vorwand, zur Toilette zu eilen.  Dort hängte ich mich unter den Wasserhahn. Ich trank circa 18 Liter, ehe ich wieder zu der unglückseligen Mahlzeit zurückkehrte.

Liebwin erwartet mich schon strahlend mit dem erhobenen Weinglas: "Lass uns auf das 'Du' trinken."

Lächelnd griff ich nach dem Glas und schaute ihm so lockend wie möglich in die Augen. Etwas Alkohol konnte angesichts der prekären Lage nicht schaden.

"Prost, Isabella!"

"Prost, Liebwin!" Nach dem Anstoßen kommt das Küsschen, hoffte ich.

Die Gläser klirrten, wir nahmen einen Schluck.

"Raaah!", schrie Liebwin.

"Spuck! Iiih!", kreischte ich. "Was ist das?" In unseren Gläsern war etwas unglaublich Saures. Die anderen Gäste schauten hoch, die Kellnerin flitzte herbei.

"Wollen Sie uns vergiften?", gurgelte Liebwin. "Herb ist ja ganz schön, aber das ist die reinste Säure."

"Oh, dieser Junge..." Die Kellnerin rang die Hände.  "Entschuldigung, aber in der Küche... mein Kind..." Nach und nach stellte sich heraus, dass ihr vorpubertärer Sohn einigen Schwachsinn veranstaltet hatte. Den Wein hatte er heimlich gegen Tafelessig vertauscht, in mein Pad Paak Ruamit zahlreiche Löffel Sambal gerührt. An den Ohren wurde er aus der Stätte seiner Untaten geführt.

Der Chef de Cuisine eilte an unseren Tisch: "Das machen wir wieder gut. Sie kriegen anderes Essen und anderen Wein."

"Gut, wenn Sie mir versprechen, den Notarzt zu rufen, falls es noch schlimmer wird", gab ich mich versöhnlich.

"Keinen Wein", blieb Liebwin misstrauisch. "Bringen Sie uns ein Kännchen Jasmintee."    


6




"Haben Sie ein Lieblingslokal?", fragte er.

"Vielleicht der Thailänder, gleich um die Ecke. Ich beschreibe Ihnen den Weg. Vielleicht warten sie dort, bis meine Kollegin mich ablöst?"

Gesagt, getan. Liebwin schob ab, ich stürzte zur Personaltoilette. Ein Blick in den Spiegel - na ja, die Haare gingen noch so. Hätte ich sie doch morgens gewaschen! Ich sprenkelte etwas Wasser darauf und fuhr mit der Bürste hindurch. Bingo. Nun noch Lip-Gloss und Eyeliner nachziehen - und hinein ins Abenteuer!    

Inka war bereits im Geschäft, als ich zurück nach vorne ging.

"Tschüs, meine Gute! Ich hab's heute eilig", raunte ich meiner Kollegin im Vorbeihasten zu.

Auf dem Weg zum Restaurant mahnte ich mich zur Ruhe. Brennende Wangen und Schwitzflecken mussten nicht sein.
Das Subjekt meiner Begierde saß an einem Fenstertisch. Charmant lächelte er mich an, als ich hoheitsvoll auf ihn zusteuerte. Ich ließ moch auf einen Stuhl fallen und smilte zurück. Los, Isabella! Smalltalk! Bloß jetzt keine schüchterne Maus abgeben!
"Woher kommen Sie eigentlich?", fragte ich.
"Ich stamme aus S., bin geschäftlich unterwegs. Ich erwäge, mit meinem Friseurgeschäft zu expandieren. Hier gibt es einen sehr guten Unternehmensberater, deswegen bin ich heute gekommen."
Mein Blick fiel auf sein T-Shirt. "Haben Sie sich bei dem auch umgezogen?", fragte ich.
"Nein, nein." Er lachte. "Ich war sogar schon wieder zu Hause.  Und dann hatte ich Hunger..."
"...und statt zu kochen, sind Sie jetzt wieder hier."
Nun konnten kluge Menschen ja anführen, dieser Liebwin presche etwas rasch voran. Aber warum nicht? Die meisten Männer sind viel zu zaghaft.  
Er schaute in die Speisekarte. "Ich nehme das scharf gewürzte Hühnerfleisch in Kokosmilch. Und Sie?"
"Einmal Pad Paak Ruamit", bestellte ich einen Tick zu prahlerisch bei der Kellnerin.   
Liebwin gab sich beeindruckt: "Oho. Sie sprechen Thai?"
"Nicht mehr als Sie", wehrte ich bescheiden ab. "Aber ich habe schon ab und an hier gegessen. In der thailändischen Küche kenne ich mich gut aus."
Das Essen kam und duftete gut. Brokkoli, Brechbohnen, Maiskölbchen, Chinakohl und Frühmöhrchen lagen appetitlich auf meinem Teller. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.
"Wieso heißen Sie eigentlich Dupont?", fragte ich, nachdem ich den ersten Happen verzehrt hatte. "Das klingt so Französisch. Sind Sie vielleicht...?"
"Ja, ich bin Halbfranzose. Mein Vater kommt aus Paris, meine Mutter ist Deutsche."  
"Krchchrrrr... Um Gottes Willen...", röchelte ich.
Liebwin runzelte die Stirn. "Ist Ihnen schlecht?"
"Spotz, würg, gurgel, hust!"
In Dreiteufelsnamen! Ob mir schlecht war?
Mein Hals brannte wie Feuer, mir stiegen die Tränen in die Augen. Der Fraß war unglaublich scharf, vermutlich mit ungefähr siebzig Chilischoten angereichert.
Hatte man mir etwas Falsches serviert?    

5

Kurz bevor Inka mich ablöste, stand der Pommes-Esser wieder im Laden. Statt seiner gesitteten Kombination trug er jetzt Jeans und T-Shirt. Er lächelte, ich wurde rot.

"Wollen Sie die Kartoffeln umtauschen?", gab ich mich geistreich.

"Nein", erwiderte er. "Ich wollte bloß fragen... Haben Sie schon zu Mittag gegessen?"

Hä? "Äh."

"Haben Sie nicht, stimmt's? Ich lade Sie ein." Im ersten Moment wusste ich nicht, was ich erwidern sollte. Sein Angebot kam so plötzlich. Andererseits: Er hatte mir ja vorhin schon gefallen.

"Was ist, wenn ich nein sage?" O Gott, Isabella! Wie blöd kann man sein? 

"Sagen Sie nicht."

Dreist. Nun galt es aber wirklich, abzulehnen. Erst mal jedenfalls.

"Ja. Danke. Äh, gern. Ja, äh", stotterte ich. Hatte ich eigentlich Lipgloss eingesteckt?

"Gut", strahlte er.

"Ich muss nur vorher... was regeln."

"Oh." 

"Wissen Sie, meine Töchter...", druckste ich herum. Warum war ich bloß so nervös? "Ich hole sie mittags immer bei meiner Mutter. Oder warten sie: Sicher können sie noch etwas dableiben."

"Das wäre ja prima."

Ich stürzte ins Büro, wählte Giocondas Nummer und schilderte mein Anliegen.

"Ist in Ordnung. Jetzt essen wir ja erst mal."

Zufrieden legte ich auf. Meine Mutter ist klasse! Immer zur Stelle, wenn ich sie brauche.

"Es klappt", sagte ich, als ich wieder im Verkaufsraum war.

"Schön", freute er sich. "Übrigens: Ich heiße Liebwin Dupont."

"Isabella Frühling."

"Isabella? Das passt zu Ihnen."

Ich errötete schon wieder. Das Kompliment zurückgeben wollte ich allerdings nicht. Wie konnte man nur Liebwin heißen! Nun gut: Nomen est Omen. Daran konnte in diesem Fall nichts Schlechtes sein.     


4
Die Ladentür bimmelte, Frau Grüner kam herein. Erneut fiel mir Margot ein.
"Hallo", kam sie sofort zur Sache. "Frau Frühling, ich bin gleich vorhin in die Stadt gegangen. Sie wissen schon, wegen dem Kranz. Es soll ja ein Schöner sein, gell. Schauen Sie mal, ich war bei Blumen-Reichardt. Die haben so eine tolle Auswahl in ihrem Prospekt." Sie hielt eine Broschüre hoch. 
"Prima", schluckte ich. Widerwillig griff ich nach dem Heft. Ich war traurig, weil Margot mir fehlte. Dazu kam mein schlechtes Gewissen. Wie sollte ich damit fertig werden? 
"Was meinen Sie? Ich denke, wir dürfen nicht sparen. Klar, ist schon teuer. Aber sehen Sie mal, ist der nicht süß?" Sie zeigte auf ein großes Gesteck mit Tannenzapfen und Rosen. Frau Grüner liebte Pflanzen. Ihr Balkon war voller Blüten, Kakteen und anderer Gewächse. Man sah sie oft dort herumwuseln, bewaffnet mit einer großen Blumenspritze. Kein Wunder, dass sie beim Thema Kranz aufblühte. 
"Nein, wir sollten nicht knausern", bestätigte ich. "Wann ist die Beerdigung?"   
"In zwei Tagen", wusste Frau Grüner wie immer Bescheid.
"Okay", nickte ich.
"Gut. Wenn Sie auch dafür sind, bestelle ich den." Frau Grüner zog ab.  

 3
Der weitere Vormittag gestaltete sich zäh, da sich nur wenige Kunden blicken ließen. Genug Zeit also, um ein wenig zu lesen. Meine beste Freundin Alexa hatte mir den Single-Ratgeber „Wer suchet, der findet“ geborgt. „Lies den ruhig, damit es bei dir auch mal klappt“, hatte sie gesagt. Ich hatte mir einen Kommentar verkniffen. Alexa war auch nicht wirklich erfolgreich bei Männern.
„Ein trauriges Phänomen unserer Zeit ist die zunehmende Zahl von Ein-Personen-Haushalten“, salbaderte die Autorin von „Wer suchet, der findet“. „Wer lebt hinter den Türen trister Appartements, die nicht größer als ein Handtuch sind? Ich verrate es Ihnen: Menschen wie Sie, die einsam sind. Wir stellen uns nun der Frage, weshalb Sie ein Single sind. Bitte kreuzen Sie an:
a)    Ich habe Angst, abgelehnt zu werden
b)    Ich möchte allein leben. (Meine Bekannten finden dies sonderbar.)
c)     Alle mich interessierenden potenziellen Partner/Partnerinnen sind bereits vergeben.
d)    Single zu sein ist für mich nur ein vorübergehender Moment.
e)     Mein Partner/meine Partnerin verließ mich.    
f)       Ich verließ meinen Partner/meine Partnerin.
g)    Ich hatte noch nie einen Partner/eine Partnerin.
h)    Ich bin unschlüssig.
Ich kreuzte a, c, d, e und f an. Bei b machte ich ein Fragezeichen. Zwar wollte ich nichts weniger, als alleine leben. Doch in der Tat fanden es meine Bekannten und Freunde, wie auch meine Eltern und sonstigen Verwandten – das heißt also, alle – höchst dubios, dass ich unbemannt war.
„Meine Tochter ist ein nettes Mädchen“, pflegte Gioconda sich zu wundern. „Ich verstehe das nicht. Als ich jung war, hatte ich immer einen Verehrer. Immer!“ 
„Das sind nun mal die jungen Leute von heute.“ (Fritz).
„Was soll denn das heißen?“ (Massimo).
„Nee, das ist nicht nur die Jugend. Schau doch mich an.“ (Tante Ingeborg).
„Warum schaffst du dir keinen Wonderbra an?“ (Alexa). Blabla. Diese Art von Geschwätz nervte mich enorm. Zwei Tage zuvor hatte Amelie einen Busfahrer angehauen: „Willst du meine Mutter heiraten?“ Knallrot hatte ich etwas von Kindermund gemurmelt. Der Busfahrer hatte laut gelacht.
„Tut mir Leid, ich hab schon jemanden daheim. Aber deine Mama ist hübsch. Sie kriegt schon noch einen ab.“ Alle Fahrgäste hatten mich angeschaut.
Ich war so vertieft in meine Lektüre, dass ich den Kunden nicht bemerkte. Ein Räuspern ließ mich aufblicken.
„Bitte schön?“
„Sie sehen so aus, als ob Sie hier arbeiten. Ich bin auf der Suche nach Tiefkühl-Pommes.“ Ich musterte den Störenfried, als habe er einen Vierkant-Schraubenzieher verlangt. Tiefkühl-Pommes im Bioladen. Wohl kaum!
„Pommes führen wir nicht. Kartoffeln kann ich Ihnen anbieten.“
Schmerzlich verzog der smarte Typ das Gesicht. Mein Vorschlag war anscheinend eine Zumutung. Ja, smart. Das war der richtige Ausdruck. Schlank war er, nicht gerade ein Riese, aber beileibe kein Zwerg. Breite Schultern, schmale Hüften. Ein sympathisches Gesicht mit blauen Augen, die durch eine modische Brille schauten. Sein Haar war dunkelblond, kurz geschnitten und mit Styling-Wachs in Form gebracht. Cordblazer,  Tweedhose. Nicht gerade der Typ Mann, der regelmäßig in der „Steckrübe“ einkaufte.
„Ich sehe schon, Sie halten mich für blöde“, schmunzelte er. „Ist mir ja klar, das ist hier ein Bioladen. Aber haben Sie wirklich keine Pommes Frites? Ich meine natürlich solche, die nicht genmanipuliert sind und ohne Geschmacksverstärker. Was soll ich mit Kartoffeln, wenn ich Lust auf Pommes habe?“ Ich hasse es, wenn Kunden meine Kompetenz anzweifeln.
„Wir führen nur natürliche Produkte“, entgegnete ich würdevoll. „Ich kann Ihnen aber gern verraten, wie man Pommes Frites aus Kartoffeln herstellt. Das ist überhaupt nicht schwer.“
„Wenn Sie meinen“, murmelte er. „Gut, ich habe keine Lust, mir die Füße nach einem anderen Geschäft platt zu laufen. Schreiben Sie mir auf, wie das geht?“
Meine Güte! Ich ging zum Gemüsestand, schippte ein Kilo Kartoffeln in eine Papiertüte und notierte die Vorgehensweise auf einen Zettel. Schälen, in Streifen schneiden, mit Öl einpinseln. Aufs Backblech, salzen und Ofen an. Zugegeben, ich bin eine schlechte Köchin und ohne Dr. Oetkers Lernkochbuch aufgeschmissen. Aber gesunde Pommes konnte ich. Amelie hatte als Kleinkind nur Fast Food essen wollen, daher hatte ich gewisse Tricks drauf.
„Mein Dank wird Ihnen ewig hinterher schleichen“, strahlte er mich an. „Vorausgesetzt, das Zeug gelingt heute Abend.“ Warmherzig schaute er mir in die Augen. In die ziemlich empfänglichen Augen, wohlgemerkt. Er sah gut aus – von der Sorte, die zuerst unscheinbar wirkt. Muss ich mehr dazu sagen?
„Kein Thema. Sie kriegen das schon hin“, lächelte ich. Als er draußen war, schnappte ich mir wieder „Wer suchet, der findet“.
„Sie dürfen keine Scheu haben, möglichst viele Menschen zu treffen und offen für alles Neue zu sein. Der/die Richtige kann Ihnen überall über den Weg laufen: In der Bücherei, im Schwimmbad, im Theater. Ein anderer erfolgversprechender Weg ist die Kontaktanzeige. Warum probieren Sie es nicht aus?“
Tja, warum wohl? Ich hatte schon mehrfach eine Annonce im „Egon“ geschaltet und war geheilt. Zwar hatte ich jedes Mal Post erhalten, aber der Traumprinz war nicht dabei gewesen. Mit drei Männern war ich sogar ausgegangen, aber sie waren nicht der Knaller gewesen. Fettige Frisuren, lange Fingernägel und stockende Gespräche sind nicht mein Ding. Ich glaube, so was habe ich auch nicht nötig. Klar, ich könnte schlanker sein. Doch mich im Fitnessstudio abstrampeln oder auf Knabbereien verzichten ist nicht mein Ding. Rechts eine Tüte Chips, links eine Tüte Flips, so lautet meine Devise. Der gebräunte Teint und mein langes Haar machen alles wieder wett. Meine Augen sind auch sehr hübsch. Sie sind grün, was man allerdings nicht richtig sieht. Das liegt an meiner Brille, die ich fast nie absetze.
„Seien Sie nicht zu wählerisch“, las ich weiter. „Die meisten Singles sind allein, weil sie ihre Ansprüche zu hoch stecken. Sie monieren mangelnde Haarpflege, lange Fingernägel oder fehlende geistige Brillanz. Keine Ausrede ist ihnen zu billig, um vor der Liebe davonzulaufen. Begehen Sie diesen Fehler nicht, suchen Sie nicht das Perfekte.“
Ab damit in den Müll.

2


Ich saß in der „Steckrübe“ – das war der Bioladen, in dem ich arbeitete. Fast immer war ich dort allein, weil meine Chefin sich kaum blicken ließ. Sie hatte sich das Geschäft bloß als Hobby zugelegt. Vielleicht, um zu zeigen, wie sie als Mutter mühelos Haushalt und Karriere unter einen Hut bekam. Doch da sie ihren mittlerweile groß gewordenen Kindern nicht mehr mit gesunder Ernährung kommen konnte, hatte ihr Interesse fast bis zur Gänze abgenommen. Mir konnte das nur Recht sein. Carolin war zwar nett, aber die Chefin sieht jeder lieber von hinten.  
Es war nicht viel zu tun an diesem Morgen. Ohne Not nahm ich das Telefon ab, als es klingelte.
„Naturkostladen Steckrübe!“, meldete ich mich. Es war Gioconda, meine Mutter.
„Ciao, Isabella“, sagte sie. „Come stai? Wie geht es dir?“
„Bene, grazie. Du klingst müde, Mama.“
„Was will ich machen? Eine der Kindergärtnerinnen hat angerufen und gesagt, dass sie Durchfall hat. Sie muss nach Hause und jetzt stimmt angeblich der Betreuungsschlüssel nicht mehr. Sie hat gefragt, ob ich Charlotte abholen kann.“   
„Warum nimmt diese Frau keine Kohletablette?“, murrte ich.
„Das macht schwarze Zähne und schmeckt schlecht. Wünschen wir ihr gute Besserung. Ich wollte bloß, dass du Bescheid weißt“, entgegnete Gioconda und hängte ein. Seufzend legte ich ebenfalls auf.
Meine Töchter Amelie und Charlotte waren acht und fünf Jahre. Amelie war gerade in die dritte Klasse gekommen, Charlotte besuchte noch den Kindergarten.
Bekanntlich hält jede Mutter ihre Kinder für die hübschesten und klügsten Geschöpfe der Welt – ich bilde darin keine Ausnahme. Amelie ist so blond wie ihr Papa Robert, Charlotte so dunkelhaarig wie mein Ex-Lover Thomas. Die zwei sind unehelich geboren, mit beiden Männern habe ich nichts mehr zu tun. Sie legen keinen Wert darauf, ihre Töchter zu treffen. Kein Besuch am Wochenende, kein Geburtstagsgeschenk. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Zum Glück zahlen sie Unterhalt, doch trotzdem bin ich extrem wütend. Waren meine Kinder eines Tages aus dem Gröbsten, so dachte ich manchmal, würde ich die Kerle um die Ecke bringen.
Wieder fiel mir die arme Margot ein. Ein flaues Gefühl machte sich in mir breit. Wundstarrkrampf musste ein schrecklicher Tod sein. Ich hatte mal gehört, dass sich zuerst der Nacken versteift. Nach und nach verkrampft sich der Körper, bis alle Funktionen versagen. Warum musste das bloß passieren! Margot hatte mich zwei Wochen zuvor gebeten, ihr einen Splitter aus dem Finger zu schneiden. Meine Vorgeschichte als Medizinstudentin war ihr bekannt gewesen, deshalb fragte sie mich manchmal um Rat. Weshalb aber hatte ich bloß das Messer genommen, mit dem ich zuvor im Blumentopf nach Unkraut gestochert hatte? Hätte ich ahnen können, dass Margot nicht geimpft war? Ich schüttelte mich, versuchte ihr Gesicht beiseite zu schieben und konzentrierte mich von vorn aufs Alltagsgeschehen. Das klappte halbwegs, denn im Verdrängen bin ich ganz gut. Eine große Lieferung Getreidepäckchen war wegzuräumen. Bis mittags, wenn meine Kollegin Inka mich ablöste, würde ich das locker schaffen. 


Wie man als Alleinerziehende Halbtags-Job und Kinder unter einen Hut bringt? Zum Glück gibt es meine Familie: Gioconda, Fritz, Massimo und Tante Ingeborg. Sofern Kindergarten und Schule flach fielen, kümmerte sich Gioconda um die Mädchen. Sie stammt von der Isola Bella im Lago Maggiore, daher habe ich auch meinen Namen Isabella. Fritz, mein Vater, lernte sie dort während eines Urlaubs kennen. Sie gingen zusammen nach Deutschland, wo sie heirateten und Massimo und mich zeugten. Mein Bruder wurde ein paar Jahre nach mir geboren, er ist frech und charmant. Wo immer er seinen Fuß hinsetzt, pflastern gebrochene Herzen seinen Weg. Die Frauen schmelzen nur so dahin. Doch er erhört keine einzige, denn er ist schwul.    
Während ich das Getreide ins Regal räumte, meldete sich der PC: „Sie haben E-Mail.“ Ich schaute auf den Bildschirm. Tante Ingeborg hatte geschrieben.

IngeborgKuester an Fruehling@Steckruebe:  Liebe Isabella! Ich melde mich wegen unserem neuen Stück, dem Katzenkrimi. Wie weit bist Du mit der Lektüre? LG, Tante I.  

Fruehling@Steckruebe an IngeborgKuester: Hello, my dear! Was meinst Du? Felidae? LG, I.

IngeborgKuester an Fruehling@Steckruebe: Scherzkeks. Du weißt genau, wovon die Rede ist. 

Ich wusste es! „Mord ist kein Katzendreck“ von Sandy Fink, einer Frau aus unserem Ensemble.

Fruehling@Steckruebe an IngeborgKuester: Hab’s quasi durchgelesen.

IngeborgKuester an Fruehling@Steckruebe: Und? Wie findest Du es?

Fruehling@Steckruebe an IngeborgKuester: Hm. Note drei.  

IngeborgKuester an Fruehling@Steckruebe: Nur? Ich finde das Ding gar nicht so schlecht. Aber okay. Sehen wir uns am Donnerstag bei der Probe?

Fruehling@Steckruebe an IngeborgKuester: Hab’s mir dick in meinen Outlook-Kalender geschrieben!

IngeborgKuester an Fruehling@Steckruebe: Es ist wichtig, dass alle da sind. Wir wollen abstimmen, ob wir das aufführen.

Fruehling@Steckruebe an IngeborgKuester: Ich komm bestimmt. Aber jetzt muss ich Schluss machen. Ich hab Kundschaft.

Eine Frau hatte sich vor den Tresen geschoben.

IngeborgKuester an Fruehling@Steckruebe: Tschüss, Isabella. Bis dann.


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Die Blümelein, sie schlafen schon längst im Mondenschein. Sie nicken mit den Köpfchen auf ihren Stängelein…“, summte ich gedankenverloren, während ich nach meinem Schlüssel kramte. Plötzlich öffnete sich die Tür, ich prallte zurück. Herr Bauernsenf stürmte aus dem Treppenhaus und rannte gegen mich. Wie üblich war seine magere Gestalt in einen schmuddeligen Trainingsanzug gehüllt. Eine struppige Dauerwelle älteren Datums umrahmte sein kantiges Gesicht. An den Füßen trug er Garfield-Puschen.    
„Mache Se Platz da!“, fauchte er mich an. Was war denn jetzt kaputt? Bauernsenf und ich hatten keinen sonderlich guten Draht zueinander, aber so unhöflich war er noch nie gewesen.
„Das kann man aber auch…“ …in einem anderen Ton sagen, wollte ich meinen Satz vollenden. Doch mein Nachbar war schon um die Ecke. Er war ein schrecklicher Kerl, der mir und den Kindern nur zu gern das Leben schwer machte. Kürzlich hatte er uns sogar untersagt, über seinen Parkplatz zu gehen. Er benutzte den Hinterausgang des Grundstücks für seinen uralten Opel. Das Vorbeigehen am Auto, so befürchtete er, könne Kratzer verursachen.
„Ich habb Sie lang genug beobachtet, Frau Frühling“, hatte er in unerträglich hochnäsigem Ton geäußert. „Sie gehe da mit Tasche un Kisde vorbei, das will ich net. Sie könne vonne rumgehe, ich habb der Platz gemiedet. Kapiätt?“  
„Kapiert, Herr Bauernsenf“, hatte ich folgsam geantwortet. „Es ist allerdings ein ziemlicher Umweg für uns. Eigentlich geben wir immer Acht, wenn wir an Ihrem Wagen vorbeigehen.“
„Eichentlich, eichentlich! Ich bau liebä vor. Hinnerher, wenn der Kratzä dran is, wars keinä gewese. Gehe Sie vonne rum!“
Folgsam latschten wir seither durch den Vordereingang. Ich hatte mich maßlos geärgert. Wie oft stellte er seine Karre absichtlich so in die Einfahrt, dass wirklich niemand durchkonnte!
Und nun das! Hatte ich das nötig, mich von ihm anrempeln und derartig anherrschen zu lassen? Kopfschüttelnd betrat ich das Treppenhaus. Kaum war ich einige Stufen gestiegen, öffnete sich eine Tür. Frau Grüner, die ältere Dame aus dem Erdgeschoss, schaute heraus. Sie trug einen Morgenmantel. Ihre braun gefärbten Haare mit dem grauen Ansatz wippten, während sie sich vorbeugte.    
„Ich hab alles mitbekommen. Machen Sie sich nichts draus“, raunte sie mir zu. „Er ist wahrscheinlich so, weil seine Lebensgefährtin gestorben ist. Wussten Sie das schon?“
 „Was?“, rief ich betroffen aus. Margot tot? Das konnte doch nicht wahr sein! Trotz meiner Probleme mit ihrem Freund Bauernsenf hatte ich mich recht gut mit ihr verstanden. Sie war höchstens 55 gewesen! Der arme Bauernsenf! So sehr ich ihn verabscheute – nun tat er mir Leid. Von Margot ganz zu schweigen.
„Wissen… wissen Sie, woran?“, stieß ich hervor.     
„Es heißt, an Wundstarrkrampf. Gott, die Ärmste!“ Frau Grüner legte eine dramatische Pause ein. Mir wurde schlecht, denn mit solchen Dingen kenne ich mich aus. Vor langer Zeit hatte ich kurzfristig Medizin studiert, im Anschluss an den Anatomiekurs jedoch aufgegeben. Leichen aufschneiden war mir zu eklig gewesen. Ich atmete durch. Ob Bauernsenf etwas ahnte? Vielleicht hatte sie mit ihm über den kleinen operativen Eingriff, neulich bei mir zu Hause, geredet? „Ruhig bleiben, Isabella“, sagte ich mir. „Nicht alles wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“
„Wir Nachbarn gehen natürlich alle zur Beerdigung“, sagte Frau Grüner. „Sie doch auch, oder?“
„Natürlich!“, beeilte ich mich zu versichern.
„Gut, Frau Frühling. Möchten sie was für den Kranz geben?“


Die Blümelein, sie schlafen: Copyright by Petra Ihm-Fahle

Kommentare:

  1. Freue mich auf das nächste Kapitel - Klara

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  2. Bitte mehr davon, bin sehr gespannt!

    So long,
    Corinna

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